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Silversterspuk im Indener Spritzenhaus


Ortsgeschichtliche Plauderei von Goswin Flatten, Inden. ( Rur-Blumen 4. Jan. 1930 )



Alte Leute reden nicht gerne von sich selbst, alte Sachen noch weniger. Und bei diesen ist auch noch die Schwierigkeit, daß sie nur einmal, - in der Silvesternacht, - erzählen, und dann noch hören bloß Sonntagskinder alles! Weil es aber so interessant ist, was sie in den dunklen Mitternachtsstunden ausplaudern, lohnt es sich, der alten Spritze zu lauschen, die im Indener Gerätehaus ihren Lebensabend beschaulich beschließt.

Ja, - Erinnerungen - so seufzt die alte Dame beim Glockenschlag zwölf, - wieder ein Jahr verflossen, wieder ein neues begonnen ... wo bleibt die Zeit... was hat man nicht schon all erlebt! Da protzen und prunken die Menschenkinder draußen mit ihren paar Jährchen Leben, und so ein alter Bestevatter raucht seinen Tabak, als wenn er nichts kostete und erzählt dann von Anno dazumal, kommt aber im höchsten Falle bis zum 1. Weltkrieg, dann hört's auf und vom Deutschen- und Dänenkrieg weiß er schon nichts mehr. Aber ich, - und hier reckt sie die alten Pumpenhebel, daß sie knacken, - ich fang da erst an mit Erleben, die Urväter der jetzigen Großväter habe ich gekannt, und bei deren Vätern meine Jugendzeit verlebt - lang, lang ist's her! Nötig hat man mich natürlich nicht mehr. Schon Jahrzehnte bin ich i. R. Ärgert mich bloß oft, wenn so ein junger Laffe mich "Alte Tante" oder "Museumsstück" nennt. Wenn der wüßte, wie froh seine Urahnen waren, als ich im Sommer 1792 gebracht wurde. - Meister Klapps kam mit, und in einer schönen langen Rede erklärte er, wie ich behandelt werden müßte. Meister Kuck nahm mich in liebevolle Obhut, die Jungens übten mit mir abends Feueralarm, und vierzehn Tage spielten alle Dorfkinder nur noch "Feuerspritze".

Die Sommerzeit ging dahin. Auf den Feldern wurde tagsüber tüchtig geschafft, und abends steckten die Leute die Köpfe zusammen und tuschelten sich Schreckensnachrichten zu. Ich hörte da ab und zu von den Österreichern wispern die gegen die Welschen zu Felde zogen. Dann und wann kamen abgediente Soldaten des Weges, denen sie in Flandern die Knochen zusammengeschossen hatten, die setzten sich dann meist auf den Dörpelstein meiner Behausung, und hier hörte man dann so allerhand Sachen, die nichts Gutes ahnen ließen. Und richtig, als der letzte Monat des Jahres 1792 ins Land ging, fielen auch mit ihm die Franzosen herein, die flüchtenden Österreicher vor sich hertreibend. Zum erstenmal in meinem Leben hörte ich das Donnern der Kanonen, und ich bekam es wirklich mit der Angst zu tun. Na ja, - das hab ich nun gründlich verlernt, denn wie oft ist's schon gewesen in bald 200 Jahren. Also die Welschen waren da, und weil die Österreicher die Indebrücken zusammen-geschossen hatten, blieb die Inde den Winter über die Grenze zwischen den beiden Parteien. Kurz und gut, ich hatte mir ganz was anderes von meiner Jugend versprochen. Das ging so, bis der Schnee auf den Feldern schmolz. Da kamen eines Tages einige dieser Gesellen und rissen mich unbarmherzig heraus, fuhren mit mir die Gracht abwärts bis zur Inde und stießen mich dort rücklings wider einige Bauernkarren, so, daß der ganze Weg gesperrt war. Als ich mich erholt hatte, wurde mir das Bedenkliche meiner Lage klar. - Alles Geschirr und Fuhrwerk warfen die Franzosen in den Hohlweg (heute Neustraße), um den Österreichern den Vormarsch zu erschweren. Wenn nachts alles still war, hörte ich drüben den gedämpften Lärm von Fuhrwerken. Da fuhren die Österreicher Geschütze in Stellung, und richtig, am 1. März 1793 drangen die Bataillone des Prinzen von Coburg über die Inde vor und trieben die Franzosen hinaus. Hu, - wie die Kanonen krachten und die Kugeln flogen! Mitten in dem Lärm sah ich, wie vor und hinter mir die Karren und Geschirre fortgeholt wurden, denn die Leute aus dem Dorfe bangten für sie. Da kam auch meine Rettung. Mein Freund, der Meister Kuck, holte mich mit dem alten Schimmel vom Domhofe heraus aus dem Gefängnis und gerade noch zur rechten Zeit. Hinter mir hörte ich, wie die Österreicher alles, was hinderte aus dem Wege warfen, und als wir an der Kirche waren, stürmten wilde Reiter auf Aldenhoven zu. Wenn mir recht ist, waren es die Wallonen, die bei Aldenhoven den Franzosen so den Kittel verbläuten. - Alle freuten sich, daß nun Ruhe würde und nicht zuletzt auch ich. Aber nicht lange, da ging der Tanz wieder los und 1794 im Oktober waren die Welschen wieder da und zwar, um 20 Jahre zu bleiben. Bisheran hatte noch alles gut gegangen, es hatte noch nicht gebrannt. Selbstverständlich kam mit der Besatzung auch wieder Einquartierung und zwar diesmal Dragoner und Chasseurs. Ich hatte schon immer gedacht, - wenn das nur alles gut geht! Denn dieses leichtsinnige Soldatenvolk hat leicht den roten Hahn auf dem Strohdach sitzen. Und richtig, eines schönen Tages im Jahre 1797 glaub ich, brannte es in der unteren Straße, auf der Wollesgaß anfangend. Im Nu flammten Häuser, Scheunen, Ställe auf, und aufgeregte Hände rissen mich auf die Straße und mein eigentliches Leben begann nun. Wasser, - nur Wasser herbei, keuchte ich, und sieh da, eine ganze lange Kette Franzosen versorgte mich mit diesem. Und da legte ich los. Mit Riesenkraft stürzte ich den Wasserstrahl auf das Feuer, daß nur so die Fetzen der Strohdächer flogen. Gewühlt haben wir damals, wie man so sagt, und trotzdem sind uns sechs Gehöfte abgebrannt. Da haben sie zuerst zusammen geschafft, die Franzosen mit den Indenern, und als beide nachts auf Brandwache waren, kauderwelschte einer von den Fremden, daß die jungen Burschen auch bald die fränkische Uniform tragen würden. Da lachten die Jungen, und die Alten schüttelten den Kopf. Nee, - das konnte es doch gar nicht geben Soldat werden, - nee --' Aber bald kam der Wind ganz anders. Eines schönen Tages war auf dem Platz vor der Kirche ein großes Spektakel, und im Berg auf dem Plei da setzten sie einen großen Baum mit Fahnen. Das wäre der Freiheitsbaum, sagten die Bauern, wenn sie ihre Pferde in der Schmiede beschlagen ließen, und jetzt müßten auch die Burschen fort. Da hättet ihr mal Klagen und Jammern gesehen, wenn die armen Kerle geholt wurden. Der Napoleon wußte sie alle zu finden, und immer neue hatte er nötig. Gleich nach 18oo ging's da unten in Spanien los, und da steckte er eine große Reihe der strammen Burschen in sein Gardekürassierregiment. Ab und zu kam ein Brief aus Welschland nach Inden, und die armen Mütter quälten sich ab, die verflixten Namen zu lesen, wie Montmedy, Mezieres, Charleville. Da waren sie, und wenn sie einigermaßen Reiten und Fechten konnten, gings weiter mit ihnen in den Krieg und dann hörte das Schreiben auf. Wenn dann wieder neue gingen, bestellte man ihnen Grüße mit, und schreiben sollten sie doch, ob sie noch lebten. Ach, - war das eine traurige Zeit! Mehr wie 50 Burschen hat Napoleon aus Inden im Laufe von 12 Jahren herausgeholt und die Untauglichen mußten nach Jülich am Brückenkopf schanzen gehen.

Einen Tag in meinem Leben werde ich nie vergessen, und wenn ich 500 Jahre alt würde. Das war der 17. Juni 1803. Die Feuerglocke läutete Sturm und ich wurde in hastiger Eile aus meinem Schuppen herausgerissen. Da kam man auch schon mit einem Pferd angetrabt. Schnell wurde es in meine Wagenschere eingespannt und - ja da kamen die Burschen auch noch mit einem zweiten Pferd gerannt, als Vorspannpferd angeschirrt. Jetzt wußte ich schon gleich, es geht bergauf, entweder nach Lohn oder Pattern. Ihr müßt nicht denken, daß zu der Zeit schon eine feste Straße nach Pattern führte. Die kam erst 50 oder 60 Jahre später. Damals war die Verbindung zum "Westen" ein ausgefahrener Hohlweg, der auch dazu diente, das Feldwasser zur Inde abzuleiten. Also, es ging tatsächlich bergaufwärts. Auf der Höhe angekommen, sah man schon, Pattern brannte lichterloh! Als wir ankamen, war jeder Hilfsversuch zwecklos. Mehr als 20 Häuser und Gehöfte brannten, - und dann kaum Wasser! Schrecklich, wenn man dasteht und will und kann nicht. Zu allem suchten noch zwei Mütter verzweifelt nach ihren Kindern. Sie waren nirgendwo auffindbar. Nachdem endlich die letzten brennenden Wohnstätten abgelöscht waren, zählte man 23 total verbrannte Häuser. Die zwei vermißten Kinder fand man bei den Aufräumungsarbeiten als verkohlte Leichen. Das war das bisher Grauenhafteste, was ich erlebt habe. Einen ähnlichen Fall gab es einige Jahre später. Es war, glaub ich, 1811. Da kam eines heißen Mittags im Sommer ein Reiter atemlos das Oberdorf herabgejagt. An der Schmiede machte er Halt und schrie laut und aufgeregt, daß es in Lamersdorf brenne! Im Nu stand ich auf der Straße, zwei Pferde vor, und so ging es, die Burschen und Männer mit. Ja, und in Lamersdorf...? Ach, es war wohl das Schlimmste, was ich je erlebte. Als wir gerade anlangten, trugen die Larnersdorfer einen verletzten jungen Burschen in ein Haus, der hatte seinen Vater retten wollen, der in dem brennenden Hause war. Hinter einem vergitterten Fenster hatte der gestanden und mit Verzweiflung an den Eisenstäben gerissen. Aber vergebens! Da hatte der brave Junge helfen wollen, rasch die Leiter, nun hoch --- und da hatten vier, fünf Hände ihn zurückgerissen. Im selben Augenblick stürzte das Dach mit lautem Krach zusammen und ein glühender Sparren schlug ihm eine schwere Wunde am Hinterkopf, - der Vater war nicht mehr zu sehen...! Wären wir doch früher gekommen! War das ein Jammer der armen Frau! Dabei hatten ihr die Franzosen auch noch vor wenigen Wochen den Ältesten geholt, ... und nun auch das noch alles. Nein, meine Jugendzeit war nicht schön. Im Jahre nachher wurde es wieder recht ungemütlich im Land. Die Franzosen holten wieder neues junges Blut, alles Jungens, die ich gut kannte. Wenn sie kamen, dem Meister Kuck Adjüs zu sagen, dann sagten sie, es ging jetzt nach Rußland, wo's so kalt wäre wie hier warm! Und Tag für Tag liefen Leute nach Jülich, um dort unter all den Tausenden Soldaten den ihrigen herauszusuchen. Denn die Armee zog durch Jülich. Abends kamen sie dann zusammen vor der Schmiede, und meistens hatten die Sucher keinen gefunden. Und als es Winter wurde, tauchte plötzlich allerlei Gerede auf, von vielen, vielen Tausenden, die in Rußland gestorben und erfroren waren, und daß die Garde so schwer gelitten habe, und von einer großen Stadt im Russenreiche, die von den Russen verbrannt worden war. - Mehr wie einen hab ich am Amboß stehen sehen, der um seinen Jungen weinte, währendem der Meister sein Pferd beschlug. - Und als es dann Herbst 1813 wurde, da sagte man es offen, - mit Napoleon ist's Schluß! Die Franzosen zogen wieder westwärts. Die Bauern mußten ihr Feld liegen lassen und Militärtransporte fahren, weit, weit nach Frankreich hinein. Die Frauen und Mädchen aber pilgerten Tag für Tag zur Heerstraße nach Jülich, um die Jungens zu suchen, die da mit den Trümmern der Armee nach Welschland zogen. Aber nicht manch einer fand, was er suchte.

Im Winter 1814 aber kamen die Kosaken. Da gings erst recht los! Da standen die Pferde der Bauern versteckt in den Schanzenbarmen und die jungen Frauen und Mädchen flüchteten auf die Söller. So ein wildes Gesindel ist mir nicht mehr unter die Augen gekommen. Ein Glück nur, daß sie im Frühling weiter ritten auf ihren struppigen Gäulen, nach Frankreich.

Wieder an einem Sommertag im Jahre 1816 schlug man auf die Feuerglocke. Es brannte im Oberdorf bei Ettches-Möhn. Als ich hinkam, sah ich eine alte Bekannte. Die Möhn war niemand anderes, als die arme Frau in Lamersdorf, deren erster Mann 1811 verbrannt war. - In der Nacht, bei der Brandwache, erfuhr ich noch mehr! Ihr Sohn, der damals den Vater retten wollte, war einige Zeit nachher mit zwei Pferden in die Schwemme geritten, geriet in ein Loch, ein Pferd ertrank, und das andere schlug dem armen Kerl die Schädeldecke ein. Der Älteste war in Rußland geblieben und nun auch noch Haus und Ställe abgebrannt! - Und in der Osterzeit jahrs darauf kam der Pastor und bat um Verzeihung für einen, der ihr aus Rache den roten Hahn aufs Dach gesetzt hatte. Wort- und klaglos hat sie diese gegeben.

In diesen Jahren wurde Friede, und dann und wann kam einer meiner Jungens aus Welschland nach Haus. So hörte ich nach und nach etwas von den großen Kriegen und auch, daß viele, viele, nicht mehr kamen, wie der Stärks Willem und noch eine ganze Reihe. Dreiundzwanzig waren es, glaub ich, liebe brave Jungens. 1819 kam noch einer, der mit in Rußland war, Kamps Grates. Den hatten sie mit nach Sibirien geschleppt und zu seinem Glück durfte er als Bursche eines Offiziers mit diesem nach Hause gehen. Zwei Jahre waren sie marschiert, und der wußte von vielen Kameraden, die dort gefallen waren. Besonders die armen Kerle, die bei der Gardekavallerie gestanden hatten. Da war der Schmitze Mathes, der Flattens Hubäet, der Willikens Jan und noch viele andere.

Und dann kam eine lange, stille Zeit. Nur hin und wieder wurde ich zur Hilfe geholt, und dann handelte es sich meist um kleine Brände. Bis daß eines Tages irgend ein Schlauer draußen in der Welt die verflixten Streichhölzer erfand. Denen schreib ich es zu, daß ich in den 50er und 6oer Jahren fast jedes Jahr zu großen Bränden geholt wurde. Zu Ende der 3oer Jahre kam ich in neue Hände. Der Schwiegersohn des Meisters Kuck, Meister Kurtz, wurde mein Führer. Den Anfang mit Bränden größerer Art machte am 19. Juli 1849 wieder das Nachbardorf Pattern. Hier stand ich mit noch mehr wie 30 meiner Berufskolleginnen einer fürchterlichen Glut und Hitze gegenüber. Ganze Straßenzüge wurden von dem rasenden Feuersturm erfaßt und brannten nieder. Alles schien verloren. Da bat man den Pfarrer des Dorfes, dem brennenden Ort den Segen mit dem Allerheiligsten zu geben. An seiner Stelle tat dies der Pfarrer der Nachbargemeinde Lohn. In Begleitung der Meßdiener nahte er mit der Monstranz. Alle, ob Katholiken oder Andersgläubige, fielen auf die Knie und flehten um Gottes Erbarmen mit dem brennenden Dorf. Und wirklich, das Feuer wütete nicht mehr weiter. Deutlich konnte man das einem Gebäude sehen, das schon zur Hälfte verbrannt war, während die andere Hälfte unversehrt blieb. Das traurige Ergebnis waren aber 22 Gehöfte mit Scheunen und Stallungen sowie auch noch die Dorfschmiede, alle restlos niedergebrannt. Und dabei waren die Allermeisten auch noch nicht versichert. Das war ein selten trauriges Erlebnis. Sieben Jahre später passierte in Altdorf auch das gleiche Unglück. Am 2. August 1856 brannte die Löövestroß in Altdorf mit der Kirche dort nieder. War das wieder eine Hölle! Die Brandglocken in der ganzen Umgebung schlugen an und alle verfügbaren Spritzen standen dem Feuer gegenüber. Zwischen Inden und Altdorf war seit langer Zeit der Burgfriede gestört. Gelegentlich der Aufteilung der alten Kirche auf Geuenich waren sich beide Dörfer in die Haare geraten und zwar im eigentlichen Sinne des Wortes. Ich habe sie damals anno 1806 kommen gesehen, erst in Prozession, und dann mit einer Kompagnie Franzosen als Schutz, weil die Indener sie am ersten Tage wider alle Vernunft verdroschen hatten. Ja, und nun waren's gerade 50 Jahre her. Alle Jahre hatte man sich zum Andenken an das unselige Jahr 18o6 ordentlich verprügelt, aber heute wurde in harter Arbeit Versöhnung gefeiert.

Gearbeitet haben meine Jungens wie die Wilden, und als die Glocken im brennenden Turm ihr Sterbegeläute anhuben, da hat der Altdorfer Pastor das Hochwürdigste Gut unter dem Schutze meines Wasserstrahls herausgeholt. Als er draußen war, hat er in das Feuermeer hinein mit der geretteten Monstranz den sakramentalen Segen gegeben, denn Menschenkraft war ohnmächtig. Da hat sich für einen Augenblick der Flammenschein verdunkelt, und von da an war die Kraft des Elementes gebrochen. - Heute natürlich wäre so etwas ja wohl nicht denkbar, denn ihr Menschenkinder glaubt ja doch in der Hauptsache an euch selbst! - Wie schon gesagt, ging's jetzt von einem Unglück an das andere, Frenz, Weisweiler, Lamersdorf, Lucherberg und Pier. In einigen Fällen brannten ganze Straßenzüge ab, so daß ich meine letzte Kraft hergeben mußte. Bei dem großen Altdorfer Brande wurde ich schließlich mit Jauche bedient, anders war nichts mehr da! Auch sonstwie passierte wieder allerlei. 1864 gingen die Preußen auf die Dänen, 1866 auf ihre Brüder, die Österreicher los. Man hatte mir im Laufe der Jahre eine neue Unterkunft gegeben in der Kirchstraße, in der Nähe von Strohmeyesch Danzsaal (Treppchen). Als nun beim Schützenfest 1866 die Jungens und Mädchen beim Tanz dort waren, kam die Mobilmachungsordre. Bürgermeister Merkens aber wollte die Freude nicht stören und hielt die Sache noch geheim bis nach dem Trubel. Am Abend aber kamen Burschen aus dem Kirchspiel Lohn, die ihre Einberufung schon hatten, und brachten Kunde vom baldigen Krieg. Da haben sie dann gesungen: "1866 da ging das Jammern los, da weinten alle Mädchen, da weinte Klein und Groß." Und dann kam 1870, und wieder mußten meine Jungens nach Frankreich. Während sie da kriegten, sprang auf der Wollesgasse wieder mal der rote Hahn aufs Dach, und ich bekam wieder Arbeit. - In kurzen Abständen brannte es in den 8oer Jahren zweimal im Oberdorf, in Lamersdorf und auch sonst noch. Dann war das Unterdorf wieder an der Reihe und hier brannte es einigemal bedeutend. Auf einem Gehöfte verbrannten sogar einige Stück Rindvieh. Auch auswärts war in den 9oer Jahren viele Arbeit. Nacheinander gings nach Lucherberg, Altdorf, und Lamersdorf. Ebenfalls um diese Zeit fuhren die Indener mich in den "Berg", als es dort brannte. Von jedem einzelnen könnte ich stundenlang erzählen, von Not und Elend und Menschenschicksalen. Ihr Modernen glaubt ja, ihr hättet allein ein schweres Dasein. Glaubt nur, daß auch euren Eltern und Voreltern nichts geschenkt wurde. Nun gings ins neue Jahrhundert. Den Anfang machte die Indener Papierfabrik, welche am Lichtmeßabend 1902 in Flammen stand. Bitterkalt war die Nacht. In den 8oer Jahren hatte die Aachener und Münchener Feuerversicherung mir zwei kleine Gehilfinnen geschenkt. Diese beiden nun verschnauften fünf Minuten, - und sie waren vollständig festgefroren. 1904 brannte es in der Kirchstraße, 1907 auf dem großen Anwesen Meens, 1907 und 19o9 wieder im Unterdorf. Immer mußte ich mein Letztes hergeben, damit größerer Schaden abgewandt wurde. 1912 kam noch ein ganz großes Ereignis, - die Fuchstaler Papierfabrik brannte ab. Hei, das war nochmal eine Lust für mich, meine Kunst zu zeigen. Mein Führer seit den 8oer Jahren, Brandmeister Kurtz, konnte mich schließlich als die einzige, noch intakte Handspritzpumpe auf der Brandstelle vorstellen. Ohne Überhebung kann ich wohl sagen, daß der heute noch stehende Teil der ehemaligen Fabrik sein Dasein mir verdankt. In der letzten Zeit hatte ich hin und wieder ein Gemunkel gehört von wegen "Alter Kasten ..... bald nicht mehr nötig, usw". Ich konnte noch gar nicht so recht glauben, daß man damit mich bezeichnete. Denn ich selbst merkte mir dank der tadellosen Pflege noch nichts von Alter oder Gebrechen an. 1912 holten sie mich nochmals in die Reitgasse, und dieser Dienst sollte mein letzter in Inden sein.

Einige Wochen später war ich Zeuge einer Rede, die der neue Bürgermeister an die neue Feuerwehr hielt. Der alte Brandmeister stand allerdings auch dabei. Er allein auch witzelte nicht über mich. Ich wußte tatsächlich nicht ein noch aus und wochenlang habe ich auf eine Erklärung gewartet. Die kam auch schließlich, und zwar in Gestalt eines dummen, hochnäsigen Karrens, den sie Gerätewagen nannten. Ich hab mich lang abseits gehalten, und unser Zusammenleben in einem Hause war kein gutes. Ein anderes kam auch noch, das mich auf andere Gedanken brachte, - 1914 der Krieg! Wieder gings gegen die Welschen, und die junge Feuerwehr rückte mit Ausnahme des alten Brandmeisters restlos zur Fahne ein. Da hab ich den 25 treuen Jungens alles verziehen, und habe dann vier Jahre mit ihren Lieben auf ihre Heimkehr gewartet. Fünf von ihnen schlafen heute in fremder Erde! Ich wurde nun nicht viel von dem Krieg draußen gewahr, bis sie eines Tages im Jahre 1915 mir kurzerhand meine beiden kleinen Schwestern wegholten, um aus ihrem Metall Kanonen und Geschosse zu gießen. Nun war ich noch mit dem Grünling allein, und wenn der ab und zu des Nachts beim dumpfen Donner der Geschütze zusammenzuckte, konnte ich spöttisch lachen. Und schließlich hatte man mich auch sogar noch einmal nötig. An einem Sonntagnachmittag brachte man mich nach Lucherberg in die Braunkohlengrube. So etwas war mir nun ganz neu, - der ganze Abbau brannte! Eine höllische Glut nahm mir fast den Atem und nach fünf Minuten brannten vorne meine Deichselbäume. Ich wäre wohl elend zugrunde gegangen, wenn nicht mein Brandmeister mit Ruhe und Besonnenheit mir zur Hilfe gekommen wäre. Die Leute aber, 6o an der Zahl, welche mich bedienten, waren kriegsgefangene Russen. Während sie fleißig arbeiteten, habe ich mir ihre Gesichter besehen. Es kam mir vor, als ob sie sehr große Ähnlichkeit hatten mit den wilden Teufeln von 1814. - Wir wurden aber des Feuers Herr und einige Monate nachher erzählte mir mein alter Freund, daß ihm von Sr. Majestät ein Orden für Verdienste im Feuerlöschwesen verliehen worden sei. Er sagte nun, ich sei schuld, und ich sagte, er, - und darüber sind wir heute noch nicht einig. Ja und dann ... Ich fühle langsam, ich bin überflüssig geworden, ich glaube es bald selbst. Ein einziges Mal noch hatten sie mich nötig, 1921 in Pier. Und da habe ich denn auch noch einmal alle meine Kraft hergegeben, und wenn einer mich lobte, dann tat mir das so gut. Denkt nun nicht, das sei Stolz, - so sind alte Leute eben. Die lassen sich auch nicht mehr gut umändern. Damit machte ich 1924 schlechte Erfahrungen: Es war ein Feuerwehrtreffen anberaumt. Mich hatte man fein herausgeputzt, denn ich sollte den Gästen als die 13o jährige Tante vorgestellt werden. Damit aber noch nicht genug, sollte Tante auch noch was anderes können oder wenigstens lernen, - nämlich Autofahren! Und so wurde ich denn an einen solchen Benzinkarren geknebelt, und dann gings über Stock und Stein mit mir, daß mir und den armen Kerls, die unvorsichtig auf meinem Rücken Platz genommen hatten, Hören und Sehen verging. Und dabei läuft man noch in Holzachsen! Na ja, - Schwamm darüber, - wird wohl nicht mehr vorkommen! Diese Fuhrwerkerei können sie meinetwegen mit ihrer neuen Motorspritze machen, - Tante ist zu alt dazu, und macht auch nicht mehr mit!

Wenn man nun etwas auf Redensarten und schöne Worte geben kann, dann bin ich ein ganz verdientes Stück Möbel. Denn man hat mir schon oft allerhand Gutes nachgesagt, aber ich vermute, dahinter stecken Worte, die mit "Museum" zusammenhängen, und davon will ich nichts wissen. Am liebsten ist mir noch wenn mein alter Oberbrandmeister kommt und etwas mit mir plaudert. Wir beide kennen und verstehen uns, denn beide sind wir alte Veteranen, ihr anderen dagegen ........







Da schlug die Uhr eins, und Stille war im Raum, - was sie uns wohl noch sagen wollte ?





Das Bild zeigt die älteste noch fahrbereite Feuerspritze weit und breit. Sie wurde nachweislich 1792 in der Werkstatt des Kupferschmiedemeisters Mathias Klapps in Beek gebaut. Dieser lebte dort von 1730 - 1795. Die Spritze ist eine zweizylindrige Handdruckspritze aus Rotkupfer gefertigt. Die wichtigsten Teile sind noch nicht erneuert. So hat sie auch noch Holzachsen. Zylinder und Windkessel sind noch einwandfrei, ein Zeichen für gutes Material und tadellose Arbeit! 1890 trat an die Stelle der angebrachten alten Gewindekuppelung die vorgeschriebene Rheinische Normalkupplung. Diese wieder mußte nach 1900 der Stortzkupplung weichen. Sie entwickelte bis 4 Atmosphären Druck. Ihr alter sturmerprobter Führer war 1934 der Vertreter der vierten Generation in einer Familie, die als Indener Brandmeister fungierten.



Die Angehörigen dieser Handwerkerfamilie führten den Meistertitel nicht nur, sondern sie waren auch Meister ihres Fachs. Meister Arnold Kuck fertigte das heute noch vorhandene Einfahrtstor und die Fenstergitter des "Generalsbaus" (Indener Apotheke). Dessen Enkel Mathias Kurtz das Gitter zur Taufkapelle der Indener kath. Kirche, - ein wahres Meisterwerk der Schmiedekunst. Sein Sohn, eben unser Wilhelm Kurtz, hat eine Vielzahl von eisernen Grabkreuzen in seiner langen Tätigkeit erstellt. Zuletzt auch sein eigenes. Nachdem dieses bei der Einebnung des ihm von der Gemeinde gewährten Ehrengrabes dort entfernt wurde, steht es heute an der Südwand der kath. Kirche ohne Zweckbestimmung. Der einzige Sohn des "Letzten" dieses Stammes fiel im 1. Weltkrieg in Rußland. Der Hintergrund der "uralten" Spritze ist der eben erwähnte "Generalsbau", der noch drei Jahre älter ist wie die "alte Tante". Das zeigen uns heute noch die in der Giebelwand befindlichen "Ankerzahlen" 1789.















Dieses Bild als Ergänzung des Aufsatzes ( 04.01.1930) zeigt die älteste noch fahrbereite Feuerspritze des Kreises. Neben ihr den ältesten aktiven Feuerwehrmann, Herrn Oberbrandmeister Kurtz. Die Spritze wurde nachweislich 1792 in der Werkstatt des Kupferschmiedemeisters Mathias Klapps in Bleek gebaut. Dieser lebte dort von 1730 - 1795. Sie ist eine zweizylindrige Handdruckspritze aus Rotkupfer gefertigt. Die wichtigsten Teile sind noch nicht erneuert. So hat sie auch noch Holzachsen. Zylinder und Windkessel sind noch einwandfrei, ein Zeichen für gutes Material und tadellose Arbeit! 1890 trat an die Stelle der angebrachten alten Gewindekupplung die vorgeschriebene Rheinische Normalkupplung. Diese wieder mußte nach 1900 der Strotzkupplung weichen. Sie entwickelte bis 4 Atmosphären Druck.

Ihr alter strumerprobter Führer ist der Vertreter der vierten Generation in einer Familie, die als Indener Brandmeister fungierten. Sein Urgroßvater, Arnold Kuck, führte dieses Amt von 1792 bis Ende der 1830er Jahre, dessen Schwiegersohn Andreas Kurtz von 1830 bis 1860, dessen Sohn, Mathias Kurtz bis 1892. Von diesem Zeitpunkt ( 1892 bis 1935 ), also nahezu 50 Jahre, bekleidete Oberbrandmeister Wilhelm Kurtz das unendlich mühevolle und schwierige Amt. Ein so reiches Leben im Dienste der freiwilligen Feuerwehren muß anerkannt werden, und wurde es auch!

Der einfache Handwerksmeister wurde 1917 mit der bronzenen Medaille für Verdienste im Feuerlöschwesen Allerhöchst ausgezeichnet. 1922 für 40jährige Brandmeistertätigkeit seitens des Preußischen Landesfeuerwehrverbandes mit der Verleihung der goldenenMedaille geehrt. Außerdem besitzt er Diplome für 25 und 40jährige treue Dienstzeit des Provinzialfeuerwehrverbandes und seiner Indener Gemeinde. Mit seinem Namen ist die Entwicklung der Freiwilligen Feuerwehr Inden zu ihrer anerkannten vorbildlichen Höhe eng verbunden. Immer noch sorgt er unermüdlich für das Wohl und Wehe seiner beiden Löschzüge, und mit stolz verfolgt er die erfolgreiche Arbeit der Motorspritze. Daneben ist ihm aber der Sinn für das Althergebrachte geblieben, sodaß das obige Bild wirklich die Wiedergabe zweier ist, die zusammengehören; Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr!








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